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Briefe von Ernst Putzki im Bundestag

Schauspieler mit Down-Syndrom liest bei Holocaust-Gedenken

Wenn am Freitag im Bundestag der Opfer der Nationalsozialisten gedacht wird, liest der Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski den Brief eines Ermordeten vor. Urbanski ist damit der erste Mensch mit Down-Syndrom, der im Bundestag sprechen wird. Von Alex Krämer

Premiere im Bundestag: Zum allerersten Mal in der Geschichte des Parlaments tritt dort am Freitagvormittag ein Mensch mit Down Syndrom ans Mikrofon. Wie immer wird dort am 27. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. In diesem Jahr steht dabei die Euthanasie im Mittelpunkt, die gezielte Ermordung Behinderter. Der Schauspieler Sebastian Urbanski - er hat das Down-Syndrom - wird den Brief eines Ermordeten verlesen.

Doch ein Unterschied von der Theaterbühne

Es ist ein Auftritt, der Urbanski sehr wichtig ist. Als der Anruf aus dem Bundestag kam und damit die Frage, ob er bereit sei dort aufzutreten, habe er sich gefreut, sagt Urbanski. Und er sei aufgeregt. Denn öffentliche Auftritte ist er zwar gewöhnt - der 38-jährige mit den kurzen braunen Haaren und dem freundlichen, schüchternen Lächeln arbeitet als Schauspieler im Berliner Theater Rambazamba, dessen Ensemble aus Menschen mit Behinderung besteht. Aber das Parlament sei schon etwas anderes als die Theaterbühne, sagt er. "Da war ich total hin und weg. Ich war noch nie im Bundestag. Dass ich vor den ganzen Regierungsleuten stehen würde und diesen Brief lesen würde - das hätte ich mir nie im Traum erträumen lassen."

Der Brief, verfasst 1943 von Ernst Putzki, beschreibt die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster, in die er wegen "Geisteskrankheit" eingewiesen worden war.

Putzki hatte den Plan der Nazis durchschaut

"Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. (...) Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. (...) Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist", schrieb der damals 41-Jährige Putzki an seine Mutter.

Das Bemerkenswerte an diesem Text: Ernst Putzki durchschaute den Plan, der dahinter stand: Die Ermordung derjenigen, die die Nationalsozialisten als "lebensunwert" einstuften. "Früher ließ man in dieser Gegend die Leute schneller töten und in der Morgendämmerung zur Verbrennung fahren. Als man bei der Bevölkerung auf Widerstand traf, da ließ man uns einfach verhungern."

Putzki wurde am 9. Januar 1945 ermordet. Was von ihm blieb, sind Briefe wie dieser.

"Als ich den Brief bekommen habe, hatte ich das Gefühl, dass ich das plötzlich mit seinen Augen sehe. Ich hatte auch das Gefühl, dass er möglicherweise mein Kamerad wäre", sagt Urbanski. Denn der war ja ein bisschen behindert, sagt Sebastian Urbanski - und er selber sei ja auch behindert.

Botschaft über den Brief hinaus

"Hätte ich zu der Zeit gelebt, dann wäre ich an der Stelle von dem Herrn Putzki gewesen. Und hätte das Grauen miterlebt. Ich kann zum Glück sagen, dass ich es nicht miterlebt habe", so Urbanski. "Aber ich erlebe es durch diesen Brief mit."

Seit einer guten Woche beschäftigt er sich mit dem Text, arbeitet an seinem Vortrag. "Jetzt bin ich so weit, dass ich glaube, dass ich das schaffe", sagt Urbanski. "Ich schaff das."

Im Bundestag wird Sebastian Urbanski am Freitag nur den Brief vorlesen. Aber er hätte schon noch eine Botschaft darüber hinaus für die Abgeordneten, sagt er. Es sei falsch, dass viele Kinder mit Behinderung heute gar nicht mehr auf die Welt kommen, weil sie vorher abgetrieben werden. Das sei zwar die Entscheidung der Eltern, meint er - falsch aber bleibe es dennoch.

Der Brief von Ernst Putzki im Wortlaut

3. September 1943

Liebe Mutter!

Wir haben heute schon 4 Jahre Krieg und den 3.9.1943. Wir geben Nachrichten! Euer Brief kam am Sonntag d. 22.8. hier an. Die Stachelbeeren bekam ich nicht. Das angekündigte Paket erhielt icherst gestern und wurde wahrscheinlich zu Fuß hierhin gebracht. Der Inhalt, 2 Pfund Äpfel u. eine faule matschige Masse von stinkenden Birnenmus, wurde mit Heißhunger überfallen. Um eine Hand voll zu faulem Zeug rissen sich andere Todeskandidaten drum.

Meine Schilderungen aus Wunstorf wurden nicht geglaubt aber diese hier muß man glauben weil sich jeder von der Wahrheit überzeugen kann. Also: Nachdem ich an Paul 2, an Paula 1 Brief von Warstein schrieb, schickte ich Dir 6 Tage vor dem Transport die Nachricht von unserer Übersiedlung nach hier und bat noch um Deinen Besuch. Der Transport war am 26. Juli und ich bin Montag genau 6 Wochen hier.

Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Von den Warsteinern, die mit mir auf diese Siechenstation kamen, leben nur noch wenige.

Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg. Die Bilder aus Indien oder Russland von verhungerten Menschen, habe ich in Wirklichkeit um mich. Die Kost besteht aus täglich 2 Scheiben Brot mit Marmelade, selten Margarine oder auch trocken. Mittags u. abends je ¾ Liter Wasser mit Kartoffelschnitzel u. holzigen Kohlabfällen.

Die Menschen werden zu Tieren und essen alles was man eben von anderen kriegen kann so auch rohe Kartoffel und Runkel, ja wir wären noch anderer Dinge fähig zu essen wie die Gefangenen aus Russland.

Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß wer der Nächste ist. Früher ließ man in dieser Gegend die Leute schneller töten und in der Morgendämmerung zur Verbrennung fahren. Als man bei der Bevölkerung auf Widerstand traf, da ließ man uns einfach verhungern.

Wir leben in verkommenen Räumen ohne Radio, Zeitung und Bücher, ja, ohne irgendeine Beschäftigung. Wie sehne ich mich nach meiner Bastelei. Wir essen aus kaputtem Essgeschirr und sind in dünnen Lumpen gekleidet in denen ich schon mehr gefroren habe wie einen ganzen Winter in Hagen.

Vor 5 Wochen haben wir zuletzt gebadet und ob wir in diesem Jahre noch baden, wissen wir nicht. Alle 14 Tage gibt es ein reines Hemd u. Strümpfe. Das ist Sozialismus der Tat.

Euer Ernst

Holocaust-Gedenkstunde

http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/av7/urbanski-liest-briefe-...

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